Im Flüchtlingsdurchgangslager Elverdissen bei Herford/Westfalen

Vom Juni – November 1947

Vorbemerkung: Die Zeit im Flüchtlingslager Elverdissen habe ich im Buch „Letzte Flüchtlingszüge aus Ostpreußen“ auf den Seiten 102-104 beschrieben. Hier Auszüge mit einigen Ergänzungen:

Während unseres Aufenthaltes im Flüchtlingslager habe ich keine Schule besuchen können, weil die Volksschule wegen Überfüllung keine Schüler aus dem Flüchtlingslager aufnehmen konnte. Aber im Lager befand sich auch Friedchen Karsten, eine Danziger Freundin meiner Cousine Erika Neumann. Tante Friedchen übte mit mir erst das kleine und anschließend begannen wir auch mit dem großen Einmaleins. Sie fand dann bald eine Anstellung auf dem Grundbuchamt in Herford. 

Neubeginn in Elverdissen bei Herford in Westfalen – endlich in Freiheit  

Glücklicherweise war mein Vater inzwischen aus dem Krankengefangenen-Lazarett Wiesloch bei Heidelberg entlassen worden und befand sich nun im Haupt-Durchgangslager in Warburg, so dass er nach Elverdissen kommen konnte. Meine Mutter und ich warteten im Wartesaal des Bahnhofs in Herford, unsere Blicke waren hierbei auf die Eingangstür gerichtet. Wir warteten lange, denn es kam damals noch wiederholt zu Zugverspätungen. Als ein einzelner hagerer Mann aus der Eingangstür trat und sich suchend umblickte, sagte meine Mutter zu mir: „Ich glaube, das ist Papa“. Nach 3 Schritten kehrte sie zurück, „nein, das ist er nicht“. Dann das gleiche Spiel noch einmal. Beim dritten mal fielen sich die Beiden in die Arme. Krieg, Entbehrungen, Flucht und Krankheit hatten ihre Spuren hinterlassen. Nach 150 Tagen, am 17.11.1947 war es dann soweit, dass mein Vater beim Schuhmachermeister Hermann Fleer in Elverdissen schnell eine Arbeitsstelle fand und auch dass wir in dessen Haus 1 1/2 Zimmer mit einigen Möbeln und Hausrat bekamen. Die Familie war wieder vereint. Das Leben begann unter den damaligen Umständen für uns, sich langsam zu normalisieren. Ich konnte wieder zur Schule gehen, aber wegen  der bestehenden Raumnot erhielten wir Unterricht auch im Gemeindehaus der ev. Kirche und im Betsaal vom EC (Entschiedenes Christentum). Im März 1951 konnten wir Schüler und Schülerinnen endlich in die neue Schule einziehen, damals die modernste Schule in NRW.  Mein Bruder fand eine Anstellung bei der Möbeltischlerei Heidemann in Herford. Von seinem ersten nach der Währungsreform 20.06.1948 verdientem Geld kaufte er sich ein Fahrrad, mit dem er am 17.10.1948 tödlich verunglückte, ein schwerer Schicksalsschlag für die Familie. 7 Monate vorher am 17. März 1948 wurde mein Bruder in Elverdissen konfirmiert. Sein gehütetes Gesangbuch aus Ostpreußen war auch dabei.

Hinweis: Die bei der Firma Adolf Ahlers bestehende Werksküche soll mitentscheidend gewesen sein, dass dort zunächst ein Lager für Fremdarbeiter und danach für Flüchtlinge eingerichtet worden ist.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.